Wer einmal mitgegangen ist, den hat es gepackt

Wer einmal mitgegangen ist, den hat es gepackt


Auf Wallfahrt zur „Trösterin der Betrübten” nach Kevelaer

Das Hemd klebt am Oberkörper, Schweiß rinnt von der Stirn: Hans G. wischt ich mit einem Taschentuch über das gerötete Gesicht. Seine Füße schmerzen – noch zwei Kilometer, dann kann er eine Stunde rasten. Hans G. ist einer von 1.000 Pilgern, die sich an diesem spätsommerlichen Samstag von Bocholt aus auf den Weg nach Kevelaer zur „Trösterin der Betrübten” gemacht hat.

In aller Herrgottsfrühe haben sie sich vor der St.-Georgs-Kirche in Bocholt getroffen, ihr Gepäck im Begleitwagen verstaut und sich auf Partnerrsuche begeben: Die meisten haben die dreitägige Fußwallfahrt schon einmal mitgemacht und treffen alte Bekannte wieder. In Zweierreihen stellen sie sich auf – die Frauen vorn, die Männer hinten. „Wunderschön prächtige, hohe und mächtige ...” stimmen die Männer an. Die Wallfahrt hat begonnen. Von jetzt an geht nichts mehr ohne das grüne Pilgerbüchlein: Wann gerastet wird, welches Lied auf welches Gebet folgt, wann die Männer singen dürfen, wann die Frauen – alles ist ganz genau festgelegt.„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade. Der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes ...”. Jede Perle des Rosenkranzes steht für ein Gebet. In den Dörfern, durch die die Wallfaherer kommen, bleiben die Menschen am Wege stehen, schauen dem Pilgerzug zu. Manche beten mit.

Mittags treffen die Pilger in Marienbaum ein. Sie haben bereits 32 Kilometer zurückgelegt. Hinter Kreuz und Fahnen ziehen sie singend in die geschmückte Kirche. Glocken läuten – für den Wirt der gegenüber liegenden Gaststätte das Signal, mit dem Zapfen zu beginnen. In der nächsten halben Stunde dreht er den Zapfhahn nicht mehr zu: An der Theke herrscht Hochbetrieb – „Bier gegen den Durst, Korn für den Kreislauf”. Proviant haben die meisten von zu Hause mitgebracht.

Großer Andrang auch bei den Sanitätern: Im Hinterzimmer des Lokals schneiden sie Blasen auf, salben und verbinden wunde Füße. Wem die Hitze zu schaffen macht, der bekommt ein Stärkungsmittel. Johannes J., der die Bocholter seit Jahren als Sanitäter begleitet, zeigt auf den Medikamentenkoffer: „Jedes Jahr brauchen wir rund 2.500 Meter Verband”. „Blasen und Muskelkater gehören eben dazu” wirft Gerda S. ein – und verzieht ein wenig das Gesicht, als der Sanitäter ihre Blasen aufsticht.

Die Ordner mahnen zum Aufbruch. „Pünktlichkeit ist das A und O bei einer Fußwallfahrt”, sagt Horst W., der die Bocholter Prozession organisiert hat. „Ohne Zeitplan kämen wir nicht nach Kevelaer.” Wieder nimmt jeder seinen festen Platz ein. „Ich will dich lieben, meine Stärke ...”. Der Zug setzt sich in Bewegung. Bald sind die Häuser von Marienbaum außer Sicht.

Annette, die gerade mit der Ausbildung fertig geworden ist und eine Arbeitsstelle sucht, geht zum fünften Mal mit: „Beim Laufen kann ich alle überflüssigen Gedanken ausschalten, mich ganz auf das konzentrieren, warum ich hier bin”. Ihre Freundin Waltraud pflichtet bei: „Es ist wie bei einer Meditation: Man wird innerlich ganz ruhig. Hier kann ich mich selbst finden”. Christa B. ist Hausfrau und vierfache Mutter: „Als die Kinder klein waren, habe ich zehn Jahre lang ausgesetzt. Seit ich wieder mitgehen kann, freue ich mich das ganze Jahr darauf, drei Tage aus dem alltag raus zu sein”. Hildegard V. geht schon von Kindesbeinen an mit. Sie weiß, dass die Anstrengung hinterher vergessen ist: „Allein würde ich es wohl nicht schaffen. Sportlichen Ehrgeiz habe ich nicht”. Lachen ringsum – auch Fröhlichkeit gehört zu Wallfahrt.

Am Abend dann der Einzug in Kevelaer: Geschäftstüchtige Fotografen warten mit gezückter Kamera am Ortseingang, um den feierlichen Moment für das Familienalbum auf Zelluloid zu bannen. Der Pilgerzug nähert sich dem Kapellenplatz: „Viel deiner Schäflein sind nun angekommen” singen die Männer. „Sünder und Büßer, wie auch viele Frommen” kommt es von den Frauen. Nach und nach füllt sich die Marien-Basilika. Kreuz- und Fahnenträger stellen sich hinter dem Altar im Halbkreis auf. Der Organist spielt „Großer Gott, wir loben dich”. Manchen laufen doe Tränen über das Gesicht.

Später - vor der Kirche - steht Agnes V. noch mit Freunden zusammen. „Die körperliche Erschöpfung und die Freude, am Ziel zu sein, müssen irgendwie heraus”, sagt sie. Obwohl die Füße schwer wie Blei sind und der Magen knurrt, mag man sich noch nicht trennen. „Wer einmal mitgegangen ist, den hat es gepackt”, sagt Heinrich K., der es wissen muss: Er ist zum 50. Mal dabei.

Martina Ledwa (KNA), August 1987

Ein Stück Bocholt

Ein Stück Bocholt


Leserbrief eines Pilgers

Seit 16 Jahren wohne ich nicht mehr in Bocholt. Lange genug, um manches Bocholter Geschehen mit einer „anderen Brille” zu sehen. Aktuelles Beispiel: Die Fußwallfahrt nach Kevelaer. In diesem Jahr habe ich ein altes Vorhaben verwirklicht, ich war dabei. Einige Bemerkungen dazu kann ich mir nicht „verkneifen”.

Ich sage es vorweg: Was man da sieht, kann sich sehen lassen, und was man da erlebt, ist erlebenswert. Ein dicker Glückwunsch an die Bocholter, solche Tradition über Jahrhunderte zu pflegen.

Ist das die Tradition einer Schar von Unbelehrbaren, von Ewig-Gestrigen, die sich noch nicht auf „modernes Denken” umstellen konnten, von weltfremden Frömmlingen ? Gewiss nicht. Nein, da sah man nur kernige, fröhliche Gesichter; da gab es nur einfache, unkomplizierte Menschen, die mit beiden Beinen auf der Erde stehen oder besser gehen und mit ihnen „beten”. Nein, das waren Jungen und Mädchen, Frauen und Männer, die weit weg sind von jeder religiösen Gefühlsduselei, die vielmehr erkannt haben, dass aufgeschlossenes christliches Denken „Fortschritt an sich” ist, eben „der” Weg und „die” Wahrheit. Für mich schien es so, als sei eine Abordnung jener Menschen unterwegs, von denen es – wie ich meine – in Bocholt noch überdurchschnittlich viele gibt. Es sind jene Menschen, die ohne viel Aufhebens, aufbauend auf einem soliden christlichen Fundament, ein Gespür für das Richtige haben und es auch tun. Bescheiden, aber überzeugt. Nicht mit vielen Worten, aber kräftig im Zupacken. Dass dabei „Bokelts Platt” in trockener, unverfälschter Manier nicht zu kurz kam, bestätigt nur diese Einstufung. Und dass der Ablauf wie geschmiert lief – ein Kompliment an die Organisation –, passt ebenso in dieses Denkmuster. Die Bocholter wissen halt, was sie wollen ... vieleicht ist das nur noch nicht allen bewusst geworden.

Wer da glaubt, ein Häuflein unverbesserlicher Querdenker marschieren gesehen zu haben, der täuscht sich gewaltig. Diese Truppe bestand aus knallharten Realisten, die einen – in des Wortes vielfältigster Bedeutung – „blasenreichen” Weg nicht scheuen, um zu einem Lebensglück zu gelangen, das nicht auf Sand gebaut ist. Die Muttergottes von Kevelaer wird sich auf ihre Weise bei jedem einzelnen von ihnen bedanken. Keine Frage: Die Fußwallfahrt nach Kevelaer ist „ein Stück Bocholt”. Ich meine, ein gutes Stück.

Heinz Hecking, Menden/Sauerland

Nu kiek es an, Bokeltse Junges in Kävelaer

Nu kiek es an, Bokeltse Junges in Kävelaer


(Zitat Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, anlässlich der Begegnung mit Bocholter Messdienern 1945 in Kevelaer)

Die Bocholter sind sehr stark der Wallfahrtstradition nach Kevelaer verbunden, was sich neben den Radwallfahrten der Männer („Weißmützen”) bzw. der Frauen, den Omnibus- und früher den Bahn-Wallfahrten besonders in den Fußwallfahrten darstellt. Und das pflegen die Bocholter seit über 270 Jahren.

Hindernisse und Behinderungen begleiten diese Tradition, wie im Sonderheft „Unser Bocholt” über die Wallfahrtsgeschichte bis 1983 ausführlich dargestellt wird. Darüber hinaus erinnert sich heute gerne eine damalige Messdienergruppe von St. Georg, auch in der turbulenten Zeit von 1945 die Wallfahrtstradition aufrechterhalten zu haben. Immerhin bestand zur Zeit ein Verbot der Militärregierung, welches Menschenansammlungen größeren Ausmaßes untersagte. Unbekümmert und nichtwissend solcher Erwägungen begeisterte sich die Messdienergruppe von St. Georg unter dem Messdienerkaplan Kersten an der Idee, nichtsdestoweniger eine Wallfahrt durchzuführen. Maßgeblich beteiligt an dem Gedanken war Johannes („Janno”) Tebroke, später bekannt als Pfarrer emeritiert an St. Georg, der schon 1944 an der durch feindliche Fliegertätigkeit beeinflussten Wallfahrt teilgenommen hatte. Damals hatte er eine Woche lang die Schulbutterbrote gesammelt und war am Samstag nach der Pilgermesse in Turnschuhen gegen den Willen von Mutter Gertrud mitmarschiert.

Nun bot sich für agile Messdiener unter der Leitung von Ernst Seggewiß die Gelegenheit einer Wallfahrt ins Ungewisse, aber mit dem festen Ziel Kevelaer, zu starten. So setzte Kaplan Kersten in der Notkirche von St. Georg, der Schreinerei Böwing auf der Weidenstraße, die offizielle Pilgermesse für 5.00 Uhr morgens an. Gerechnet hatte man nicht damit, dass zu dieser Zeit noch eine Ausgangssperre bestand. So wurde Georg Weber auf dem Hinweg von einem deutschen und einem englischen Polizisten angehalten. Der Bocholter Polizist konnte dem Engländer aber alles klarmachen, so dass sich der englische Militärpolizist dem Hinweis auf eine Wallfahrt nicht verschließen konnte.

Zuvor hatte Bäcker- und Konditormeister Schröer, Vorstandsmitglied bei den Fußpilgern, dafür gesorgt, dass die Brotrationen aus den damaligen Lebensmittelkarten ein bischen aufgebessert worden waren. Die Verpflegung und das Gepäck wurde auf einen Fahrradanhänger geladen, der dann abwechselnd gezogen wurde. So konnte sich die Gruppe mit den Brüdern Hansi und Tonius Nyenhuis, den Vettern Johannes und Karl Tebroke, Georg Weber, Paul Elschot, Albert Hustede, Josef Benning, Kurt Lensing, Wilm Kurenbach u.a.m. beruhigt auf den Weg machen. Da Paul Elschot seine Mandoline mitgenommen hatte, war Rees unter Singen von frommen Marienliedern und markigen Wanderliedern bald erreicht.Hier ergab sich das erste Hindernis, wo die Amerikaner mit einer Pontonbrücke den Übergang über den Rhein geschaffen hatten. Ein hünenhafter, schwarzer Amerikaner, bewaffnet mit einer Maschinenpistole, bewachte den Brückenanfang. Immerhin war zu der Zeit den Besatzern der Begriff von Werwolfgruppen, nämlich

Untergrundgruppen der Hitlerjugend bekannt, so dass der Bewacher zunächst eine Rücksprache mit seinem Vorgesetzten zu halten hatte. Erst ein Kevelaerbild mit der Trösterin der Betrübten von Janno und der zum Ausdruck gebrachte Wunsch, dass wir zur „Holy Mary” wollten, erbrachte uns nach längerem Palaver mit unseren fragmentischen Englischbrocken das Wohlwollen unseres Hünen für die Überquerung ein. Mit MP-gesicherten Bewachern an der Spitze und am Ende erreichten wir über die schwankende Brücke mit zitternden Knien die Reeser Schanz. Das war uns so in die Hose geschossen, das zunächst eine Frühstückspause eingelegt wurde, wonach wir feststellen mussten, dass unsere gesamten Vorräte zu Ende waren.

Aber mit Gottvertrauen ging es über Niedermörmter und Marienbaum durch die vom Krieg gekennzeichnete Landschaft mit Soldatengräbern, zerstörtem Kriegsmaterial (z.B. Lastensegler), verbrannten Häusern nach Kevelaer weiter.

Der Einzug hier gestaltete sich weniger spektakulär, denn Kevelaer war zu der Zeit Ausländerauffangstelle für Kriegsgefangene und deportierte Fremdarbeiter. Alle Hotels waren belegt, und selbst in der Basilika waren Menschenmengen auf Strohlagern untergebracht. Nur durch Beziehungen von früheren Wallfahrern aus der Gruppe und durch das Mitgefühl des Wirtes von St. Elisabeth durften wir dort im Dachgestühl übernachten (im schmalsten Hotel Kevelaers mit 3,50 m Breite und ohne Unterbett kein allzu bequemes Domizil). Wasserlassen war nur durch eine Dachluke in die Regenrinne erlaubt, wobei der jeweilige Deliquent von innen festgehalten werden musste. Bei solcher Gelegenheit erkannte einer auf der unten vorbeiführenden Straße den damaligen Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Es gelang uns auch, ihn anschließend zu erwischen und uns ihm vorzustellen. Er war hocherfreut und überrascht und kommentierte in bestem Münsterländer Platt: „Nu kiek es an, Bokeltse Junges in Kävelaer!”

Am Sonntag wurden die obligatorischen Pflichten - soweit möglich - erledigt, einschließlich der gesonderten Kreuzwegprozession. Viele der Kapellchen der Kreuzwegstationen waren durch Kriegseinwirkungen jedoch stark zerstört.

Ein Gutes hatte jedoch die Sondersituation Kevelaers in diesen Tagen. Durch den Status als Ausländerauffanglager war die Versorgungslage mit Lebensmitteln dort gesichert, und wir fanden Mittel und Wege, unsere Lebensmittelvorräte wieder üppig für den Rückmarsch aufzufüllen. Jedoch handelte es sich dabei ausschließlich um Maisbrot, das zwar wunderschön gelb und wie Kuchen aussah, aber beim Essen blieben die Zähne daran kleben.

So ausgerüstet verlief der Rückweg am Montag problemlos. Am Straßenrande in Bocholt standen zwar nicht die üblichen Zuschauer, aber so müde und beeindruckt wir von dieser ungewöhnlichen Wallfahrt waren, so besonders stolz waren wir darauf, am Erhalt der Tradition der Bocholter Kevelaerprozession mitgeholfen zu haben.

Bocholt, im November 2004
Karl Tebroke

Effkes no Kävelaer loopen !

Effkes no Kävelaer loopen !


Juhann, nu segg mej doch es, wat sall dat bedüden ? Unse Naober’s Kathrina löp all dree Dage met so hooge, aoldmodse Schoh harümme, wat mag de doch blos in de Kopp klatert wessen ?

Doors, dat sak dej genau vertellen: nu’n Saoterdag geht jao de Footprosjon no Kävelaer; Kathrina will ook met, maor dat kann se doch nit in de Püppkes van Schoh, de de Fraulöh van Dage allemole drägt. Un nou trainiert se in’t vörut in de ollen däftigen ut öhre erste Jugend. Dat trainieren mut de Kävelaersen allemole: dat loopen is jao nümmes mähr gewönnt hütigen Dages, wao de kleinen Trabanten all, kas maol seggen, up de Fietse geboren wärd. Hässe dat dann nich esehne, wu denn (Kaplaon) Kohaus gistern met siene Kävelaer-Schoh in de Weertsen Dännen harümme streck, denn will’ Saoerdag ook weer met. Un (Kaplaon) Lohmann, denn trainiert ook all en paar Wäke van Bokelt no beij Spork und weer trügge. ’n Pastur hew all eseggt: dann muß he maol in Huse bliwen; wann de Blagen öhren Willen kriegt, dann hühlt se nit !

Donnerbessem, Juhann, ik hadde ook bolle Apptit met to gaohne, et kribbelt mej hoste in de Beene, wann ik maol blos wuß, wat för’n Footgrei ik antrecken soll.

Dat wik dej grade seggen, Doors, treck an, wat de Lust häs; mao mak et blos nit äs den eenen van de Kaplöne. Denn ging vöriges Jaohr in swaore Bergsteigers met dicke Specksollen los un keem in lichte Nachtpantüffelkes weer; denn is doch fies an ekommen.

Mao ik schü de doch vör, Juhann; ik häbbe hört, ne Sanitätswagen führn met, un ik weet nit mähr, bo völle Kilometers Verbandsplaösterkes Becker voriges Jaohr gebrukt hadde. Dat is jao binaoh schlimmer as in Dortmund bej’t Sechstagerennen; un öwerhaupts: wann ik Blood seh, dann fall ik all forts flau.

Doors, du olle Quasseltrine, dat is maol halw so wichtig. Wat de paar hundert Fraulöh uthollen könnt, dat künn wej ook, wej bünt doch Kerls ! Un wann du goude wüllen Huosen annstrecks un kine Nägel dör’t Leer prikkelt un en bettken Puder för’n Schweet in de Schoh dös, dann krisse kine Blaorn un sowat; fraog ’n ollen Tuornköster Küpper maol ow’n Schuster Böing, de bünt fake met eweßt un makt dej dat Gerei wall in Order.

Ik kenn der awwer wat, de bünt dree Dage nao de Prosjon no heeser: den Schröer, te Uhle, Wilkens un wo se alle heet; mej düch, all dat Bäden un Singen is ook niks för mine Halsstraote; de is am Enne no so verkraßt, dat Wiesmann mej ut’n Kerkenchor harutsmitt.

Doors, nu slao dej doch den Blitz in de Blunnermelk ! Bruks doch nit so hatt to ropen as ’n smächtig Kalw. Do büß van de morgen wall met et linke Been ut’n Bedde sprungen. Schlieslik seggste noch: wu sall ik in Rees öwwer’n Rhin kommen, ik kann doch nit swemmen. Hör up met all dien Käuern, slao in un segg: Juhann, wej beide willt’n Saoterdag

effkes no Kävelaer loopen!"

Glosse in der Tageszeitung vom 22. August 1934

Nao Kävelaer

Nao Kävelaer


Betrachtungen eines Pilgers

Wann froh an’n Saoterdag lüt de Glocken,
dann maakt völle Löh sick up de Socken;
Fraulöh un Mannslöh, Jung un Old,
se all tesamen nao Kävelaer wollt.
Gau noch dat Gepäck in de Kaore verstaut,
een Fähnken an de Boste, met de Leeder vertraut;
so staoht wej daor, bünt alle noch behände,
üm halw söwwen geht et los, Nr. 30, Leed aohne Ende.

Met Gebät un met Gesang,
geht et no de Straoten lang.
Met „Ihr Freunde Gottes allzumal”
geht et döhr Werth, döhr’t Jommertal.
Öwwer Heelden geht widder denn Marsch bis Empel,
daor sett sick jedereene up sinnen Stempel.
Een Köppken Koffie in’n Magen, een Schnäpsken in de Schoh,
dor löpp et sick bäter up Käwelaer to.

Manch eene kick nao achtern, mao et geht neet trügge,
erst mutt wej in Rees noch öwwer de Brügge,
dann öwwern Damm, Marienboom is in Sicht,
dor güww et ’nen Siägen, un dann is erst Schicht.
Denn eenen freut sick, dat se üm dörsteekt de Blaoren,
denn annern drünk sick erst es ne Klaoren.
Hier doht se alle de Beene hoge leggen
un nümmes denn segg, hej hat wat derteggen.

Denn Weg is lang un ook wall beschwerlick,
un daorför bünt de Sanis unentbehrlick.
Oww Mann oder Frau, Bischop oder Kaplaon,
se alle bünt all dör öre Hande gaohn.
Un se doht ook, aohne sick te genieren,
well datt nödig häww, de Kütten massieren.

Te gau is de Middagstied verstrecken,
daor mutt wej uns ook all wer recken.
Man merkt genau, wo de Fööte sitt
un häww Piene noh bej jeden Schritt.
Et widder nou dör’n Reichswald geht,
ook wann de Sunne hoge an’n Himmel steht.
Under de Fööte häww man brannen un kloppen,
un van denn Kopp, daor föllt so manchen Droppen.

Neet maor de Sunne, ook Rägen un Wind,
maakt te schaffen Vader, Moder un Kind.
Un well et neet mehr holl’n kann, denn süsse,
nao links un rechts awwhaun in de Büsse.
In Uedemerbruch kann man sick noch eenmaol verschnuwen
un drinken denn Saft van Gaste oww van Druwen.
„Ich will dich lieben”, dat Leedeken heet,
sodann et ook all widdergeht.
Gebät un Gesang, de trekkt eenen met,
so datt man de Piene fast ganz vergett.

Nou wött de Prossjone met Fahnen eschmückt,
denn Weg bis hierhenn, den is uns eglückt.
Links und rechts daor staoht se Spalier,
un wej singt: „Maria zu dir kommen wir”.
Üm datt Gnadenbeld herümm bewägt sick de Schlange,
een paar Tratt noch, et düürt neet mehr lange.
De Trappe as letzte Hürde noch wörd enommen
met „Viel deiner Schäflein sind nun angekommen”.
Kott noch denn Siägen und danke för’t Kommen,
dann wörd dat Bedde in Beschlag enommen.

Sunndags nao de Pilgermisse, dor lopt wej prompt
denn Krüssweg, daomet wej neet ut de Übung kommt.
Middags in de Andacht, et geht neet aohne,
un aowends dann noch de Lechterprozessjone.
Daornaoh gaoht de meesten wall flott
naoh Bedde, denn de Nacht is kott.

Anderndags, so met en Ühr oww veer,
dor staoht wej up de Beene weer.
Pilgermisse, Frühstück, Gepäck in de Kaoe
un gau noch eenmao kieken noa de Blaore.
Denn Trüggeweg is, ick segge et ehrlick,
för de meesten genau so beschwerlick.
De Peerde, de kasse all wiet hörn wiehern,
je nöher se kommt nao’n Küpper in Liern.

Hier ist för uns et letzte Maol Rast,
bevör et widdergeht, ganz aohne Hast.
Noch eenen „Blaorenreichen” un ne Litanej,
so trekkt wej in Look an de Löh vorbej.
Af Rütten dor wörd met Banners un Fahnen etrokken,
un in St. Georg lüth se för uns all de Glokken.
An’n Straotenrand manch eene den Kopp wall rekkt,
met „Viel deiner Schäflein” in de Olde Kerke wej trekkt.
Van’n Pastuur noch denn Siägen, dat Gepäck ut de Kaore,
un under de Fööte, dor drükkt so manche Blaore.
Mor öwwer’t Jaohr kann man uns wer sehen hier staohn,
wann wej alle wollt wer nao Kävelaer gaohn.

Helmut Bongert

Die Wallfahrt hat Vorfahrt

Die Wallfahrt hat Vorfahrt


Von den Leiden und Freunden eines Kevelaer-Pilgers

Montag, 19.00 Uhr. Der Organist hat die Register gezogen, als ob es gegen die Mauern von Jericho ginge. Angehörige umspähen die Kirchenbänke von St. Georg in Bocholt nach ihren Pilgern, das knappe Tausen Stimmen wirft die geballte Kraft seines „Großer Gott, wir loben dich” in die hohen Gewölbe – die Wallfahrt ist zu Ende.

Unser Pilger, der neue, von dessen Leiden und Freuden hier die Rede sein soll, sitzt da mit kaputten Fußsohlen und erhobener Seele. Viele Jahre seines Lebens hat er keine Ahnung gehabt, wie eine Wallfahrt inwändig aussieht. Er hat mit vielen anderen gedacht, das ist doch überholt, das ist übertrieben katholisch und hemmt die Zwiesprache mit den evangelischen Brüdern ! Er hat herrliche Ausreden gehabt und sogar sehr gute und stichhaltige und selbstverständlich auch keine Zeit. Aber heuer hat es ihm keine Ruhe gelassen, heimlich hat es ihn immer schon in der hintersten Ecke seines Herzens gewurmt, dass er noch nie mitgegangen ist, und auf einmal hat er auch Zeit gehabt. Und nun, am Ende der drei Tage, an denen er seine Heimstatt verlassen und sich in die Pilgerschaft begeben hat, zieht er Bilanz. Auf der Haben-Seite findet er ein gediegenes Plus von Frieden, Freude und Dankbarkeit, ein mehr an Glaube, Hoffnung und Liebe.

Samstag, 5.45 Uhr. Das Köfferchen im Planwagen, der Pilger bei seinesgleichen, Männer und Frauen streng getrennt, schnell noch das grüne Heftchen ereorben und das Fähnchen an den Kragen geheftet. Seit 1733 gehen Bocholter zu Fuß nach Kevelaer. Jeder sucht sich seinen Nachbarn in den Zweierreihen rechts und links von den Vorbetern. Noch ein prüfender Blick zum Himmel (geregnet hat es gestern) und 550 Bocholter, darunter erstaunlich viele Jugendliche, verlassen für drei Tage ihre Stadt. Vergnügt sehen sie, dass die Polizei, ihr Freund und Helfer, den Autoverkehr um sie herum in eine Art Ehrengarde umfunktioniert: Die Wallfahrt hat Vorfahrt !

In seinem ganzen Leben hat unser Pilger noch nie so lange an einem Stück gebetet. Das Erstaunliche, er findet weder Litanei noch Rosenkranz zu lang. Den Seinigen hat er nicht mitgenommen. Hat er ihn überhaupt noch ? Tante Minna, die Patin, hat einen zur Erstkommunion geschenkt. Gelegentlich ist er durch die Kinderhand geglitten, aber ein einziges Gesätzlein ist ihm immer noch zu lang erschienen. Niemand hat ihn in die Weisheit dieses betrachtenden Gebetes eingeführt. Hier lernt er sie kennen und lieben.

Pause in Empel. Durst, erste Blasen, es ist ein heißer Tag geworden. Weiter ! Mitten in den Glorreichen Rosenkranz tuckert ein Rasenmäher dicht daneben. Er stört. Große Pause in Marienbaum. Das ehrwürdige Tantum ergo in der alten, schönen, kühlen Kirche. Stärkung aus Brotbeutel oder Gaststätte. Liegen am Bahngleise, anstehen bei Massage und Blasenaufstechen, kleine Leiden und – große Freude dabeizusein.