BBV vom 26.06.2020

Fußpilger laufen nicht nach Kevelaer

„Schweren Herzens“ hat der Vorstand die Wallfahrt abgesagt

 
Freitag, 26. Juni 2020 - 11:28 Uhr

von Stefanie Himmelberg

 

Bocholt - Lange hatten die Verantwortlichen gehofft. Doch jetzt steht fest: Die Fußwallfahrt nach Kevelaer am vierten Augustwochenende ist abgesagt. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, betont Alfons Schmeink, Vorsitzender der Bocholter Fußpilger. Der Vorstand habe sich „schweren Herzens“, aber einstimmig für die Absage ausgesprochen.

© Sven Betz

 
Fußpilger laufen nicht nach Kevelaer
Dieses Bild gibt es in diesem Jahr nicht: Die Wallfahrt der Fußpilger – hier beim Einzug in die St.-Georg-Kirche nach dem Rückweg – ist abgesagt.FOTO: Sven betz

Lange stand die Bocholter Fußwallfahrt vom 22. bis 24. August fest im Pilgerplan des niederrheinischen Marienwallfahrtsortes. „Der Vorstand wollte so lange wie möglich alle Optionen zur Durchführung der Wallfahrt offenhalten“, berichtet Schriftführer Ludger Mertens. Das frühe Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen bis Ende August hätte daran nichts geändert.

„Da die Wallfahrt in den letzten Jahren durchgehend unter tausend Teilnehmer hatte, wäre dies allein noch kein Grund für eine Absage gewesen“, so Mertens. Doch mit der Verlängerung des Verbots bis Ende Oktober änderten sich auch die Rahmenbedingungen für kirchliche Veranstaltungen.

Laut einem Schreiben von Dr. Klaus Winterkamp, Generalvikar des Bistums Münster, können Wallfahrten jetzt nur mit bis zu 100 Teilnehmern stattfinden – unter Einhaltung der Hygienevorgaben und des Mindestabstands von 1,50 Metern. Das allerdings ist für die Bocholter Pilger nicht machbar. Rund 800 hatten sich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht.

Selbst wenn einige aus Furcht vor einer Ansteckung freiwillig verzichtet hätten, hätte man in mehreren Gruppen laufen müssen. Die würden sich wegen der erforderlichen Abstandsregeln aber so weit auseinanderziehen, dass der reguläre Verkehr erheblich gestört würde. Die Polizei hat früh signalisiert, dass sie einer solchen Wallfahrt nicht zustimmen würde.

Auch viele andere praktische Fragen stellten die Organisatoren vor Probleme: Wie sieht die Versorgung der Pilger in den Gaststätten entlang der Strecke aus? Was ist mit der Benutzung der Toiletten in den Lokalen, was mit dem Toilettenwagen? Wie schafft man es, dass sich die einzelnen Pilgergruppen in den Pausenorten nicht begegnen?

Schon jetzt dauert der mehr als 50 Kilometer lange Fußmarsch von 6.30 Uhr bis 20 Uhr. Noch weiter ausdehnen könnte man den Zeitrahmen kaum. Auch das gemeinsame Singen und laute Beten, das ja einen wesentlichen Teil der Wallfahrt ausmacht, wäre wohl nicht machbar – wegen der möglichen Verbreitung des Coronavirus durch Aerosole.

Erhebliche Schwierigkeiten sahen die Organisatoren auch bei der Versorgung der Pilger durch die Sanitäter. Umfangreiche Hygienevorgaben würden eine normale Betreuung unmöglich machen. Viele Sanitäter gehören außerdem zur Risikogruppe und wären vielleicht sowieso nicht dabei.

Seit 1733 – wahrscheinlich aber schon wesentlich länger – gehen die Bocholter zur „Trösterin der Betrübten“ nach Kevelaer. Sie sind eine der größten Gruppen, die Kevelaer jedes Jahr erreichen. Die Wallfahrt hätte vom 22. bis 24. August stattfinden sollen. Für Alfons Schmeink wäre es die zweite Wallfahrt als Vorsitzender der Fußprozession Bocholt-Kevelaer gewesen.

Bereits 1866 einer Seuche zum Opfer gefallen

Fünf Mal vermerkt die Chronik in den vergangenen 200 Jahren eine Absage der Bocholter Fußwallfahrt, berichtet Schriftführer Ludger Mertens. Bereits 1866 fiel sie einer Seuche zum Opfer: Auf linksrheinischem Gebiet sollten Fälle von Cholera aufgetreten sein, daher verzichteten die Bocholter lieber. 1827 hatte der Bischof die Wallfahrt bereits wegen „sittlicher Bedenken“ verboten.

1919 und 1945 – jeweils kurz nach Kriegsende – legten die Besatzungsmächte ihr Veto ein. 1923 erlaubten die damaligen belgischen und französischen Behörden keine Wallfahrten in das von ihnen besetzte linksrheinische Gebiet. Um überhaupt eine Marienwallfahrt durchführen zu können, organisierte der Pilgervorstand eine Zugfahrt von Bocholt nach Münster mit anschließender Fußprozession nach Telgte.

Quelle: BBV vom 26.06.2020